“ICH KANN DIESE TYPEN NICHT MEHR SEHEN”, twitterte die Bloggerin Maike Hank während des ESC-Auftritts von ByeAlex. (Leider wurde der Tweet entfernt.) Sie meinte augenscheinlich seinen Hipsterlook und ich kann sie verstehen: Ich war in den letzten Monaten auf HipHop-Indie-Electro-undsoweiter-Parties - aber statt der jeweiligen Szenetypen sah ich nur noch….Hipster. Überall. Aber meine Erwartung, auf einer Hip Hop-Party auch typische “Hip Hopper” zu treffen ist 90er-Denke. Denn fixe Bindungen an ein einziges Musik-Genre sind angesichts der gespotifyten Verfügbarkeit sämtlicher Genres obsolet.
“Früher gab es viel stärker definierte Subkulturen. Jetzt fließen modische Trends fast unmerkbar ineinander über. Und aus den Subkulturen ist ein Mega-Hipster-Brei geworden. (…) Wo jeder zum Kurator wird.” (Quelle: Printausgabe “Zehn Jahre New Thinking”.)
Hipster als Kuratoren und Trüffelschweine? Tatsächlich erzählte mir ein DJ, das von jungen Menschen mit Brillen-Brillen und Stoffbeuteln immer die delikatesten Musikwünsche kommen: Entweder etwas sehr Altes und Rares, wie z.B. Jesus & Mary Chain auf einer Indie-Party. Oder es wird nach einer blutjungen Band gefragt, die nicht einmal VICE-Praktikanten kennen. Auf der nächsten Reggae-Party wollen die gleichen Hipster dann uralten Ska oder Electro-Dancehall von Major Lazer. Uff. Neben soviel individueller Selektion und Genre-Hopping wirken klassische Szenetypen wie Stammwähler von Volksparteien: Berechenbar und “von früher”.
Vielleicht ist es ja eine deutsche Eigenheit, dass der Begriff “Mainstream” so negativ besetzt ist. Ich benutze ihn jetzt mal als Lob: Diese re:publica war für mich viel mehr “Mainstream” als frühere Konferenzen. Denn sie hatte einen höheren Frauenanteil, ein breiteres Themenspektrum (Kindererziehung! WTF!) sowie eine unglaublich professionelle und dennoch warmherzige Orga. Vielleicht hatte ich deswegen so schnell das Gefühl mit den anderen mitzuschwimmen… mitzuschwimmen im Strom der Sessions und spontan angedockten Gespräche. Das war bei meiner ersten re:publica 2010 anders: Damals hatte ich nur einen beruflichen Twitter-Account, keinen eigenen Social Graph und noch nicht mal ein Smartphone zum #rp10-Twittern. Strukturell nicht anschlussfähig. Außerdem schien die Konferenz nur aus unnahbaren Ur-Bloggern sowie aus Geeks mit kryptisch beklebten Laptops und c-base-Stammplatz zu bestehen. Nicht falsch verstehen: Ich schätze die Ur-Blogger und Geeks so sehr - ohne sie gäbe es keine Netzgemeinde digitale Öffentlichkeit in Deutschland. Aber man konnte sich damals schnell ausgeschlossen zu fühlen. Dieses Jahr sprach ich nicht nur mit den klassischen SocialMedia-IT-Startup-Internetfreunden. Sondern auch mit Leuten aus Fachverlagen, Bildungssektor oder Versicherungen. Kein Wunder: Wenn du (und dein Arbeitgeber) die letzten 3 Jahre nicht unter einem Stein gelebt hast - dann hat sich auch deine Arbeit irgendwie digitalisiert. Und für den Austausch darüber sowie neue Inspirationen ist die re:publica jetzt der größte Treffpunkt. Fazit: Digitalisierung goes Mainstream - so #rp13 does. Gut so.
Haar-in-der-Suppe-Anmerkung: Die Mainstreamisierung hat vielleicht doch einen Nachteil. Der What-The-Fuck?!-Faktor in den Sessions hat gelitten. Früher erfuhr ich dort vom Gründer von Pirate Bay & Flattr was Micropayment überhaupt sein könnte. Awesome, awesome, awesome. Oder erst Gunter Dueck mit seiner 2011er-Session! Heute reissen mich Erkenntnisse, wie das Daimler in Smart Cities investiert oder Politik-Statistiker auch Bushido-Tweets auswerten nicht mehr vom Hocker. Aber darum geht es vielleicht auch gar nicht mehr.
Journalisten und PRler teilen das gleiche Ziel. Sie möchten ihre Inhalte gerne weit verbreitet wissen. Und seit Leser nicht mehr nur passive Empfänger sondern auch Sender sind reden alle von “Viralisierung” und “Memes”. Mit Buzzfeed gibt es in den USA eine Newsplattform, die den “memetischen” Gedanken komplett verinnerlicht hat. Auch wenn es bedeutet, das dort 2012 auf Knopfdruck alle Wahlkampf-News in Katzenbilder umgewandelt werden konnten. Warum Buzzfeed aber auch investigativ arbeitet und selbst seriöse Journalisten mal den Cat Content die Katze streicheln können erklären diese beiden Herren: Gunnar Sohn beleuchtet das Thema Buzzfeed & Memes unter dem Aspekt des Kontrollverlustes von Medienhäusern. Der Marken-Experte Patrick Breitenbach analysiert den Mehrwert von ausschliesslich viral konzipierten Inhalten.
Da ich seit Monaten eine moderate Form des “Cult of Less” lebe, setze ich mich intensiver mit meinem physischen Besitz auseinander. Etwa mit meiner Musik-Sammlung. Als ich gestern das Deichkind-Debüt “Bitte ziehen Sie durch” aus dem Jahr 2000 hervorkramte war ich perplex: Die Electro-Anarchos von heute starteten damals als ganz “typische” HipHopper. So mit “Beats, Cuts, Rap und Wortwitz” (Dendemann), Baggy Pants und Rucksäcken. Klingt im nachhinein nicht übel aber auch recht austauschbar: Lustiger Deutschrap zur Jahrtausendwende eben. Und ich bin mir sicher: Hätten Deichkind ihr Konzept um 2005 herum nicht radikal auf Electro umgestellt… es würde sie heute nicht mehr geben. Jedenfalls nicht als weltweit gefragtes Live-Ereignis mit knapp 700.000 Fans und Followern im Social Web. Dieses Durchbrechen der HipHop-Konventionen, des ganzen Mittelmasses der “Szene” hat ihnen damals den Arsch gerettet. Jetzt steht Deichkind für durchgeknallten Rave-Hedonismus (Halbnackt! Mit Masken & Schminke!) und lebt nicht mehr von Vinyl Tonträgern sondern von verkauften Tickets. (btw: Das Label “Showdown” auf dem sie starteten gibt es nicht mehr.) Was hat Deichkinds Neustart jetzt mit Change Management zu tun? Dafür muss man nur “Deichkind” mit “Deutschland” in Gunter Duecks Rede vertauschen…
Ohne nachzudenken hatte ich heute dieses Bild auf meinem Facebook-Profil gesharet. Dabei ist dieser Google-Witz doppelt doof. Das tut mir leid und ich erkläre auch warum.
1. Die Jahreszahl ist völlig übertrieben. Google würde beim jetzigen exponentiellem Wachstum der Big Data, die wir im Web hinterlassen, so etwas viel früher anbieten können. Fragt mal den neuen Mitarbeiter und Singularitäts-Anhänger Ray Kurzweil.
2. Der Witz funktioniert nur mit dem Einverständnis, das solch eine Transparenz und Verfügbarkeit von Informationen schlecht ist. Ich bezweifle aber, das die machbarkeitsfixierten Google-Ingenieure und wir selbst zukünftig ein Problem damit haben. Denn unsere Vorstellungen von Datenschutz (besser: Daten-Nichtsichtbarkeit) haben sich bereits in den letzten Facebook-Jahren massiv verändert. Würden wir per Zeitmaschine einen Menschen aus dem 1993 nach 2013 beamen - er würde uns allesamt für durchgeknallte Daten-Exhibitionisten halten. Wir finden das jedoch längst normal und profitieren gerne vom Teilen unserer Daten und unseres Wissens. Und da diesesInternet gerade von Handy-Grösse auf Armbanduhr-Grösse schrumpft oder zur Brille wird, werden wir bald noch leichter noch mehr Daten ins Netz spülen. Und wer macht sie dort wieder optimal durchsuch- und auffindbar? Richtig.
Gegen die furchtbar richtigen Argumente der deutschen Netzgemeinde wurde das Leistungsschutzrecht (LSR) verabschiedet. Und Sascha Lobo hat in allen Punkten seiner schonungslosen Fail-Analyse recht:
Das Leistungsschutzrecht ist der Beweis, dass man gegen die Netzgemeinde noch das allerbekloppteste Gesetz durchbringen kann: sie hat nicht die Kraft, es zu verhindern.
Dennoch schütte ich etwas Wasser in Sascha Lobos Wein. Denn einen Punkt hat er vernachlässigt: Der absehbare Fail liegt im Thema selbst. Schliesslich betrifft das LSR primär Google & andere News-Aggregatoren, (potentielle) Startups für Content-Services sowie (womöglich?) Blogger. Eine überschaubare Gruppe also. Würde das LSR zusätzlich Facebook-Nutzer beim Sharing krimininalisieren, wäre das Entrüstungspotential ein ganz anderes.
Neben der fehlenden Betroffenheit einer kritischen Masse ist das LSR auch noch schlecht außerhalb des Web zu kommunizieren: Wie soll eine Diskussion um Textlängen in Snippets und aggregierte Vorschau-Texte im Fernsehen funktionieren? Wer - aussser ein paar Hardcore-Geeks - würde Christoph Keese und Thomas Knüwer beim TV-Duell zuschauen? Ich erwähne bewusst das Fernsehen. Denn Printmedien scheiden als Verbündete oder objektive Berichterstatter aus: Die meisten Blattmacher sind selbst Nutzniesser des LSR.
Kurzum: Das Thema ist in den alten Medien aus vielen Gründen nicht vermittelbar. Und den gemeinen Social-Media-Nutzer auf Facebook oder YouTube betrifft es nicht. Zurück bleiben die Blogger sowie Google mit seiner schlichten Initiative. Aber ohne Rückenwind der klassischen Medien und einer breiten Entrüstung in Facebook und Co. reicht das einfach nicht. Jedenfalls nicht um Politiker außerhalb der Filterbubble einiger “Netz-Experten” zu beeindrucken.
Mein Fazit: Damit es Netzthemen in den Mainstream schaffen müssen sie auch in klassischen Medien vermittelbar sein. Und sie müssen einen Bezugspunkt für den Alltag der Nicht-Geeks (z.B. “Datenschutz” oder “Kindererziehung & Web”) haben. Beides war beim LSR nicht der Fall.
Ich befinde mich in der luxuriösen Lage, zum Mittagessen Printzeitungen aus dem Büro mitnehmen zu können. Da sitze ich dann und falte mich durch die ausladenden Formate der FAZ oder SZ. Und obwohl dort diverse Artikel zu noch viel diverseren Rubriken auf mich warten: Meistens lege ich das Papier nach 5 Minuten weg und lese via Smartphone was meine Feeds hergeben. Warum ist das so? Schuld ist wohl die Filter Bubble. Denn in meinem iPhone landen tagtäglich verführerisch viele Frank-Krings-affine Artikel: Empfohlen von Algorithmen, die meine Interessen kennen. Oder von Twitter-Menschen, die meine Lieblingsthemen teilen. Dagegen kommt ein One-Size-Fits-All-Medium wie Tageszeitung nicht an. So langweilte mich die letzte angelesene FAZ mit ihren vielen Papst-Rücktritt-Artikeln. Sicher, das war wohl allgemein ein relevantes Thema. Nur für mich halt nicht. Und alles Relevante dazu hatte ich imho bereits auf SPIEGEL ONLINE am Vorabend gelesen. Ok, da waren noch andere FAZ-Artikel; etwa zum slowenischen Parlamentarismus oder zur Innenpolitik im Libanon. Das sind Inhalte wie Broccoli: Ja, man sollte zugreifen…denn es ist gut für die Gesundheit bzw. Allgemeinbildung. Trotzdem wird in meiner Aufmerksamkeitsökonomie der slowenische Parlamentarismus immer gegen Artikel meiner Lieblingsautoren verlieren. Die Filterbubble siegt also. Für den Rest (also das Broccoli) nutze ich dann die Mediathek der Öffentlich-Rechtlichen: Tagesschau, Presseclub, Weltspiegel…
Eine Hartz4-Empfängerin wird an ein Bordell vermittelt. Sponsoren boykottieren ein Metal-Festival wegen Nazi-Rockern. Ein US-Investor beschwert sich öffentlich über faule Franzosen. Was haben all diese Geschichten gemeinsam? Sie wurden besonders häufig in Deutschland auf Facebook geteilt, getwittert oder auf G+ geplusst. Das weiss ich jetzt dank des Düsseldorfer Startups 10000 Flies, den “Social Media Charts”. Im Gegensatz zu Rivva, wo auch häufig in Blogs verlinkte Artikel zählen, ist hier Facebook das Mass aller Dinge. Völlig zurecht: Denn auf Facebook ist der Mainstream unterwegs. Und zwischen den Interessen von Bloggern und Facebook-Usern gibt es gewaltige Unterschiede: Während in Blogs auch Netzpolitik-Artikel wie z.B. über das drohende Leistungsschutzrecht häufig verlinkt werden, sieht man bei 10000 Flies was im Mainstream funktioniert: Boulevard-Themen mit Sex & Crime und (immer ganz oben!) König Fussball. Für Social Media Junkies wie mich ist ein Blick in diese Fliegen-Charts aufschlussreich: Denn anscheinend bewege ich mich in einer kleinen Filter Bubble, in der andere Social Media Junkies mittels Social Media über Social Media schreiben. Im Gegensatz zu Rivva kommen bei 10.000 Flies meine Lieblingsartikel nicht vor. Der Mainstream liket & sharet lieber Artikel über Hartz4-Empfängerinnen im Bordell. Oder anders ausgedrückt: Nur was viele Menschen emotional anspricht, wird massenhaft geteilt. Axel Springer würde sich freuen…
PS:: Ich hätte gerne Links gesetzt, aber irgendwie funktioniert das bei Tumblr gerade nicht.