Medienmassen statt Massenmedien: #wettendass, R.I.P.!

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Nein, ich werde anlässlich des Endes von “Wetten, dass” nicht episch über meine 80er-Kindheit sinnieren. Darüber, wie Brigitte Nielsens Straps-Outfit 1987 zu einem TV-Skandal und Schnappatmung in meiner Jungs-Clique führte. Nur soviel: In den 80ern war WD das massenmediale Highlight in Deutschland. Wenn sich mal einer der US-Super-Super-Super-Stars ins deutsche TV verirrte - dann zu WD und dem beneidenswert lockeren Thomas “Tommy” Gottschalk. In den 90ern hatte ich dann Samstag abends weissgott Besseres zu tun und ignorierte die Sendung. Erst mit Twitter, Lanz und dem Spass am digitalen Lästern habe ich wieder eingeschaltet. Second Screen undso. Dabei kam mir WD wie ein Zerrbild aus einer früheren Medienlandschaft vor… wie ein altes Familien-Ritual, das nicht mehr richtig funktioniert.

Gottschalk vs. Lanz: Der angenehm amerikanisierte Sanguiniker Gottschalk konnte die kulturelle Kluft zwischen öffentlich-rechtlichen TV-Darstellern und Hollywood-Stars noch unterhaltsam auflösen. Lanz nicht. Anders formuliert: Gottschalk steht für Michael Jackson und Phil Collins. Lanz hört heimlich Helene Fischer. Ok, das war eine Unterstellung. Ich weiss es ja nicht. Aber obwohl Lanz und Pharell fast das gleiche Alter haben, hätte der 64-jährige Tommy ( der bereits 1980 rappte) diesen funky Superstar allemal souveräner in die Show integriert. Denn “locker sein” (Gottschalk) und sich “um Lockerheit bemühen” (Lanz) sind im Showgeschäft essentielle Unterschiede.

Wenn der Konsens weg ist, hilft nur Ironie: Auch Gottschalk hätte 2014 eine Konsens-Show aus dem Zeitalter der (wenigen) Massenmedien in einer für Programmplaner anstrengenden Gegenwart der ausdifferenzierten Medienmassen verkaufen müssen. YouTube, RTL, ProSieben und das ganze Internet sind schon da und saugen Aufmerksamkeit ab. Und für Leute unter 30 ist das ZDF mitsamt WD heute komplett irrelevant. Auch wenn dort mit 2 Monaten Verspätung das Internet-Meme “Gangnam Style” wiederbelebt wird oder Pharell Williams mal kurz breakdancet. In Zeiten medialer Ausdifferenziertheit kann man einen Konsens-Dinosaurier wie WD nur noch mit Ironie ehrlich verkaufen. Dafür hatten aber weder das ZDF noch Lanz den Mut. Vielleicht hätten das Moderatoren wie Stefan Raab, Harald Schmidt oder Harpe Kerkeling in einem auch für Ältere erträglichen Rahmen hinbekommen. Für die Aufmerksamkeit der Jüngeren hätten schon extrem Ironie- und Metaebenen-gestählte Moderatoren wie Joko & Klaas oder Jan Böhmermann das Ruder übernehmen müssen. Diese hätten dann vermutlich an der alten ZDF-Stammklientel vorbeimoderiert… Ach, es ist verflixt, und WD heute eine mediale Mission Impossible. Das Ende von WD beweist, dass es in Zeiten der medialen Ausdifferenziertheit kein “One Size Fits All” für aufwendige Unterhaltungsformate gibt.

So. Und ich schaue mir jetzt in den Untiefen der ZDF Mediathek im “Neo”-Nischen-Sender das letzte Neo Magazin an… 

p.s.: Den Satz “Wir leben im Zeitalter der Medienmassen - und nicht mehr im Zeitalter der Massenmedien” habe ich mal irgendwo bei Peter Glaser gelesen.

Über Sarrazin, Laubenpieper und Fachschafts-Jusos

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Sarrazin neues Werk mit der These einer “Gleichheits-Hegemonie” ist lächerlich. (Ich schreibe das auch deswegen, weil mir heute eine etwaige Sympathie für ihn vorgeworfen wurde.) Warum macht sich Sarrazin lächerlich? Weil er einen Popanz vor sich her trägt: Nämlich einen angeblich alles beherrschenden, linksliberalen Meinungsmainstream, den es einfach gar nicht gibt. Stattdessen gibt es in Deutschland unzählige Teilöffentlichkeiten mit dort ( und nur dort) herrschenden Mehrheitsmeinungen. Ganz praktisch: Wenn Sarrazins Thesen bei der taz-Leserschaft nicht anschlussfähig sind, muss der “Ausgestossene” einfach zum nächsten CSU- oder AfD-Stammtisch gehen und wird sofort aufgeschlossene Zuhörer finden. Von den Lesern einer der “größten Tageszeitung Europas” ganz zu schweigen. Sarrazins herbeifantasierter “Tugendterror” gilt noch nicht einmal in seiner eigenen Partei, der SPD. Ich erinnere mich an meine Zeit als Soziologie-Student in Münster. In meiner zuständigen Fachschaft waren die Jusos linksradikal und internationalistisch. Jedes autoritäre PKK-Manifest wurde dort “solidarisch” verteidigt. Wenn ich dagegen abends bei den sozialdemokratischen Laubenpiepern meiner (damaligen) Schwiegereltern im Ruhrpottkaff Unna war…da gab es zum Thema PKK und Kurden eine ganz, ganz andere Meinung. Eine Sarrazin-kompatible Meinung, die noch weit über seine Thesen hinaus ging. Aber das zeigt: Eine SPD - und mindestens zwei Teilöffentlichkeiten. Für mich persönlich bedeutete es damals: Bei den Soziologen-Fachschafts-Jusos galt ich als “Rechter”, bei den Laubenpiepern von Unna galt ich als “Linksradikaler”.

Fazit: Es gibt keinen linksliberalen Tugendterror aber auch keinen neoliberalen oder “rechten” Mainstream. Sondern nur viele Teilöffentlichkeiten mit nur dort herrschenden Tabus und Deutungshoheiten.

p.s: Eine besonders originelle Teilöffentlichkeit ist aus meiner Erfahrung die sog. Netzgemeinde. Diese ist nicht nach aussen hin organisiert wie Jusos oder Laubenpieper. Sie formiert sich ausschliesslich über einen homogenen Meinungsdiskurs zu Themen wie ACTA, Leistungsschutzrecht, Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren oder Netzneutralität. (Siehe Sascha Lobos treffende Beschreibung.) Also allesamt Themen, die bei spontanen Umfragen in deutschen Fussgängerzonen  ̶Ko̶̶p̶̶f̶̶s̶̶c̶̶h̶̶ü̶̶t̶̶t̶̶e̶̶l̶̶n̶  kein homogenes Meinungsbild ergeben würden.

Dies ist kein Hipstergelalle

frohmannverlag:

Friedrich Forssmann kenne ich als etwas unwirkliche Erscheinung im Stile der Zeit, in der vermutlich seine Lieblingsromane spielen. Er trägt bevorzugt Tweed und raucht gern ein gemütliches Pfeifchen. Ein bisschen Prä-Cumberbatch-Sherlock-Holmes, ein bisschen Nick Knatterton. Diese kauzige Selbstinszenierung fand ich bislang eigentlich recht amüsant und sympathisch.

Meine älteste Freundin arbeitete und lebte früher mit F. F. in Büro- und Hausgemeinschaft. Ich nenne sie hier im Folgenden „Freundin“, weil sie eine zurückhaltende Person ist, die keinen Rummel um ihre Person mag. Darin unterscheidet sie sich von F. F.

Gesehen und gesprochen habe ich F. F. zwei- oder dreimal. Einmal sogar bei mir zuhause. In meiner damaligen Kreuzberger Wohnung. Die, Hand aufs Herz, ganz schön hipstermäßig war. Damals war das aber noch kein Imagedebakel. Wenn jemand dich oder deine Wohnung „hip“ fand, war das Ende der 90er ein Kompliment. Weil man nicht automatisch davon ausging, dass du Menschen aus Stylegründen verachtest. Habe ich nie getan. Siehe Nick Knatterton.

Zeiten ändern sich. Menschen auch. Echt wahr.

Allerdings machte ich Ende der 90er noch keine eBooks, sondern war eine durch und durch respektable Bücherfreundin und Literaturwissenschaftlerin. F. F. hatte also nichts an mir auszusetzen. Meine Welt hat sich seither ein paar Mal verändert. Seine anscheinend nicht.

Ich fand F. F. damals im Umgang jovial, im Urteil apodiktisch und im Duktus etwas überheblich. Er ist so ein Typ Mann, bei dem man sich als weibliches Gegenüber altersunabhängig schnell ein wenig plappermädchenhaft fühlt. Schon weil er ziemlich groß ist und mit sehr sonorer Stimme spricht. Er ist so ein Mensch, der immer und überall Vorträge hält. Da ist kein Hauch von Selbstzweifel.

F. F. ist ein wirklich exzellenter Typograf und Buchgestalter. Vielleicht wird man so, wenn man unangefochten ein Star in seinem Bereich ist.

Trotzdem. Eitelkeit hin. Überheblichkeit her.
F. F. ist auch ein wirklich netter Typ. Er war es zumindest früher.

Mein Problem mit ihm liegt woanders.

Engstirnigkeit. Miesmacherei. Blindwütigkeit.

Seine fast schon tollwütige Attacke gegen eBooks und deren Macher und Leser macht ihn in meinen Augen zu einer Art Fjodor Pawlowitsch Karamasow der Medienwende. Willkürlich zieht er eine dichotomische Trennwand wieder ein, auf die viele Menschen seit Jahrzehnten zu verzichten versuchen. Weil diese Grenze immer schon konstruiert war. Weil sie Literatur unnötig unzugänglich und elitär gemacht hat.  

„Friedrich, lass uns doch mal über Self-Publishing und Fan Fiction reden.“

F. F. tut mir und meiner Welt mit seinem Text Unrecht. Wir sind keine „lallenden Hipster“, sondern Menschen, die sich engagieren für etwas, an das sie glauben. Wir hinterfragen unser Tun regelmäßig. Ästhetisch und politisch. Wir haben große Zweifel. Weil wir auch nicht genau wissen, was kommt. Aber wir halten uns handlungs- und reaktionsfähig. Beobachten. Probieren aus. Korrigieren Fehler. Denken immer wieder um. So wie es die heutige Welt erfordert. Das hat nichts mit der Abwesenheit von Werten zu tun. F. F. diskreditiert die Arbeit und Haltung meiner Kollegen und Freunde. Er diskreditiert mich. Wie kommt er dazu?

Ich lese Bücher und eBooks.
Ich bin Buch- und eBook-Autorin.
Ich erkenne bei Büchern und eBooks spezifische Schwächen.
Ich schätze an Büchern und eBooks spezifische Stärken.
Ich reflektiere, dass Bücher und eBooks unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechen.
Ich weiß, dass Bücher und eBooks so gut und schlecht sind, wie man sie macht.
Ich erkenne bei Büchern und eBooks eine je eigene Schönheit.
Ich trete seit Jahren für eine gemeinsame Zukunft von Buch- und eBook-Kultur ein.

Außerdem.

EBOOKS SIND KEINE BÜCHER.

Zurück zu meiner Freundin. Die auch F. F.s Freundin ist. Sie ist klassische Buchgestalterin. eBooks traut sie nicht so recht über den Weg. Obwohl sie seit drei Jahren welche für mich gestaltet. Aber anders als F. F. will sie Sachen differenziert betrachten und hört zu, wenn man ihr vernünftige Argumente vorlegt. Ich habe 2011 zu ihr gesagt.

„Freundin. Wer, wenn nicht wir, bestimmt denn darüber mit, wie es in der Zukunft ums Lesen und Verlegen bestellt ist. Lass uns eBooks machen, die immer so typografisch gelungen sind, wie es die Technik gerade erlaubt. Lass uns die Grenze so weit dehnen, wie es geht. Rumprobieren. Spielen. Wir werden oft kotzen müssen, wenn diese Grenze allzu schnell erreicht ist. Aber wir sind vorne mit dabei und können das alles schon, wenn es richtig gut wird. Die Literatur kaputt machen nicht Innovatoren, sondern Abzocker, die Trash produzieren. Damit haben wir nichts zu tun. Im Gegenteil. Wir können ohne reichen Vater oder Investor im Rücken Projekte machen, die sich kein klassischer Verleger leisten könnte. Bitte mach mit.“

Sie hat mitgemacht. Sie macht immer noch mit. Ihr kritischer Blick bleibt. So wie sie.

Bei ihren Typografentreffen fühlt sie sich jedes Mal wieder wie die Frau mit dem scharlachroten ‚e’ auf der Stirn. Aber sie ist tapfer. Weil sie differenziert denkt und handelt. Mit dieser Haltung macht man keine Welle. Aber schöne und gute eBooks.

Danke, Freundin.

Viel Spaß in der guten alten Zeit, Friedrich Forssmann. “Gemeinsame Brechreize” haben wir wohl derzeit leider nicht mehr.

PS. Meine eBooks habe ich von Anfang an ohne DRM gemacht. Ich arbeite mit einer klassischen Typografin (“Freundin”) und einer digitalen Herstellerin. “Beschiß” mit ‘ß’ geht anders.

Tags: ebooks hipster

Blogstöckcken aus dem Denkarium

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Da mein Blog aufgrund privater Umwälzungen gerade etwas vertrocknet, nehme ich das Blogstöcken aus Wibke Ladwigs Denkarium gerne an. 11 Fragen von Wibke, 11 Antworten von mir.

1. Wonach schmeckte Deine Kindheit? 

Wiener Schnitzel.

2. Feierst Du gern Deinen Geburtstag? Oder ist das ein Tag, der Dich eher gruselt oder gar lästig ist?

Eigentlich feiere ich ihn gerne. Aber die Leute werden immer unspontaner, ziehen weit weg, haben diverse Kinder…die ganze Orga ums Feiern herum wird leider immer komplizierter.

3. Tanzt Du gern? Und wenn ja: heimlich oder auch öffentlich?

Öffentlich, wenn ich was getrunken und irgendeinen Bezug zur Musik habe.

4. Was machst Du, wenn Du auf eine Party gerätst, wo Du niemanden kennst? 

Twittern.

5. Kunst und Kultur oder Kommerz und Kapital? Und wieso das Eine und nicht das Andere? (Die Frage musste ich Hannes klauen.)

Ich habe das Rumreiten auf diesem Gegensatz noch nie verstanden. Es gibt fantastische kulturelle Leistungen, die kommerziell verwertbar sind. Leute, die solche Gräben ziehen, behaupten auch das in Pop-Charts nur schlechte Musik läuft. Oder, dass erfolgreiche Hollywood-Filme mit hohem Budget keinen künstlerischen Wert haben können. “Kommerziell” hat für mich einen negativen Beigeschmack, wenn ein Werk mir zu berechnend erscheint. Wenn sämtliche Mehrdeutigkeiten ausgeblendet werden. Die Filme von Bully Herbig finde ich in diesem Sinne viel “kommerzieller” als die teilweise gewagte US-Komödie “Hangover”.

6. Welchen Ohrwurm hast Du, jetzt, in diesem Augenblick?

"Californication" von den Red Hot Chili Peppers - ich bingeviewe gerade die gleichnamige Serie.

7. Magst Du Deine Handschrift?

Nicht mehr. Sie verkümmert zusehends, weil ich kaum noch mit der Hand schreibe. Aber das ist ok. Kulturtechniken kommen und gehen.

8. Die Butterbrot-Frage: welches Brot und was wäre auf Deiner Stulle, wenn Du jetzt eine haben könntest? 

Ich bin ja nicht so ein deutscher Brot-Nazi. ;-) Ein mittelklassiges Rewe-Graubrot reicht mir schon. Dafür dann gerne mit Lachs und Meerrettich. Meerettich ist eh toll. Wer das Zeug entdeckt hat, war genial. 

9. Worüber hast Du Dich zuletzt geärgert?

Über einen Trickbetrüger, der meine Kollegin auf Facebook abgezockt hat. Der hat jetzt soviel mieses Karma angesammelt…fraglich, wie er das jemals wieder loswerden will.

10. Was hat Dich zuletzt glücklich gemacht?

Eine ehrliche Antwort wäre zu zweideutig für dieses Medium.

11. Was hat das Internet für Dich am meisten verändert?

Ich zähle lieber mal Bereiche auf, wo das Internet wenig für mich verändert hat: Familie und alte Freunde von früher.

… und hepp! Jetzt werfe ich die 11 Fragen als Blogstöckchen mal weiter an Caipihase.

Binge Watching am Limit - mein Jahr in Serien

(Disclaimer. Kein Spoiler-Alarm! Ich werde hier keine Details aus den Serien erwähnen.)

Die neuen US-Serien sind DIE wahren Romane der Gegenwart. Diese These geisterte 2013 häufiger durch die (digitalen) Feuilletons. Und ich stimme voll zu. Nicht nur wegen der epischen Erzählstruktur von Serien wie “Breaking Bad”, in der sich die Charaktere weiterentwickeln. Sondern weil es auch längst einen Bildungskanon für Serien gibt. Man muss heute “Game of Thrones” oder “The Mad Men” kennen um beim Party-Talk mitreden zu können. Im letzten Jahrhundert waren es eher Kult-Romane wie “Steppenwolf” die solche Diskussionen beherrschten.

Hier also mein Jahr 2013 in Serien inklusive persönlicher Bewertungen. Angefangen hatte ich mit der Zombiecalypse "Walking Dead" (WD). Das Faszinierende und gleichzeitig Unangenehme an WD: Zombies stehen neben Meeresungeheuern auf Platz 1 in meiner persönlichen Grusel-Skala. Und in WD sind die Untoten wirklich grauenerregend inszeniert. Daher hatte ich nach den ersten Folgen Alpträume, in denen ich vor “Beisser”-Heerscharen fliehen musste. Die Lösung bestand für mich in einer Desensibilisierungs-Therapie: Ich habe im Binge-Watching-Modus viele Folgen hintereinander geschaut und mich so an menschenfressende, verfaulende Untote gewöhnt. Fazit: WD schockt und hält einen auch beim nächtelangen Binge Viewing putzmunter. Insgesamt eher eine Handlungs- als Personen-getriebene Serie. Mich jedenfalls lassen die Darsteller allesamt recht kalt.

Genau das Gegenteil würde ich über "Mad Men" (MM) schreiben: Eine rein Personen- und überhaupt nicht Handlungs-getriebene Serie. So sehr mir Charaktere wie Don Draper trotz seiner unnahbaren Art und Humorlosigkeit ans Herz gewachsen sind: Auch nach 5 Seasons kann ich keine Unterschiede zwischen den einzelnen Staffeln wiedergeben. Dons PR-Agentur werkelt halt so vor sich hin. Dabei wird intrigriert, gesoffen & geraucht und der Zeitgeist weht bis in die letzten Ritzen der Büroräume. Fazit: MM ist für mich wie ein Aquarium: Eine kleine, in sich abgeschlossene Welt in die man gerne mal reinschaut. Meinetwegen hätte man MM nach der 3. Season beenden können. Oder man dreht noch 30 weitere Seasons und lässt die Sterling Cooper Agency bis in die 80er hinein Meetings abhalten. MM ist eine Serie für Befürworter der Form gegenüber dem Inhalt. Eine Serie für Ästheten, die sich auch an kleinen Nuancen begeistern können.

Drastischer aber MM nicht ganz unähnlich ist "Californication" (C). Auch hier spielt ein mittelalter Hedonist aus der Kreativbranche die Hauptrolle. Auch hier wird viel getrunken, geraucht und gefxxxxt. So viel, wie ich es noch nie in einer US-Serie gesehen habe. Kein Wunder, das C das FSK18-Siegel hat. Wie bei MM ist das Spannungsfeld (Hedonismus / Freiheit vs. bürgerliches Leben) immer das Gleiche und die Serie strotzt vor Redundanz. Trotzdem wird mir C dank der krassen Sprüche, der zT unbekannten Darsteller und der Situationskomik nie langweilig. Fazit: Insgesamt eine sehr körperbetonte, sehr liberale und tatsächlich sehr kalifornische Serie.

Eine Serie, die ich 2013 nur “zum Mitreden” (Bildungskanon! Gruppenzwang!) gestartet habe, war "Game of Thrones" (GoT). Leider ist Fantasy einfach nicht mein Genre. Und bei den zahlreichen Intrigen und verschiedenen Settings blicke ich kaum noch durch. Fazit: GoT ist toll, wenn man mal in eine komplett fremde Welt abtauchen möchte.

Ich bevorzuge zum Abtauchen Science Fiction und hatte heftige Binge-Watching-Tage mit "Battle Star Galactica" (BSG) hinter mir. Fazit: BSG ist vermutlich die einzige SciFi-Serie, die auch SciFi-Hassern gefällt. Mehr ein Shakespeare-haftes Epos als Geballer mit Raumschiffen.

Nur langsam anfreunden konnte ich mich mit "The Wire" (TW). Nach dem Wahnsinn innerhalb der besten Serie der Welt aka “Breaking Bad” empfand ich TW als dröge und sperrig. Unendlich behäbig schreitet dort in muffigen Büros die Polizeiarbeit voran. Alle - sogar die HipHop-Typen - haben hässliche Klamotten und ständig schlechte Laune. Der Handlungsort Baltimore scheint eine Art Ruhrpott der USA zu sein. Aber nachdem ich TW kontinuierlicher geschaut habe und die Personen vertrauter sind, weiss ich: Die Langsamkeit, die Darstellung auch kleinster Details im Dienstalltag, die ständigen Rückschläge - DAS ist das Geheimnis der Serie. Fazit: Kein leichter Einstieg, aber Hartnäckigkeit nach Season 1 lohnt sich. Vielleicht die zweitbeste Serie der Welt - nach Breaking Bad.

Der seltsame Sound der Beschleunigungs-Linken: #vaporwave

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Ich gebe es zu - ich habe ein Faible fürs Ideologische. Und daher machte mich die SPON-Kolumne über die Bewegung der Akzelerationisten neugierig. Akzen…was? Nun, Akzelerationisten sind Linke die am Kapitalismus desse fehlende Modernität kritisieren. So steht in ihrem Beschleunigungs-Manifest:

Statt in einer Welt aus Raumfahrt, Future Shocks und revolutionärem technologischem Potential leben wir in einer Zeit, in der sich lediglich die Unterhaltungselektronik marginal verbessert.

Was ich an den Akzelerationisten schätze: Sie haben als Kapitalismuskritiker so gar nichts mit dem Bionade-Spiessertum der Grünen gemein. Und auch nichts mit Sozialdemokraten, die den fordistischen 70ern hinterhertrauern und von Vollbeschäftigung träumen.

Auch toll: Diese Beschleunigungs-Linken haben mit Vaporwave einen eigenen Sound. Behauptet hier zumindest der Wired-Autor und Musik-Journalist Adam Harper. Er beschreibt Vaporwave als

…techno-kapitalistische Werbemusik für ein Zeitalter der Computer und Taschen voller Apple-Geräte. Das typische Vaporwave-Album umfasst eine Sammlung moderner, auf die Stimmung einwirkender Kulissen, die sich perfekt dazu eignen, Infomercials, Bildschirm-Menüs und Sicherheitsvideos in Flugzeugen auszustatten.

Wenn ich in YouTube nach “Vaporwave” suche, entdecke ich digitale Loungemusik mit Visuals, die an die Anfänge der Digitalisierung in den frühen 90ern erinnern. Hier ein Song von Laserdisc Visions - der Name sagt eigentlich schon alles.

Hier hat sich die Sunset Corp. an Chris de Burgh vergriffen. “Nobody here” klingt wie ein kaputtes Muzak-Tape in einer verlassenen Shopping-Mall.

Titel wie “Redefining the Workspace” vom Internet Club könnten auch der nüchterne Claim einer Windows-Kampagne sein.

Als Soundtrack zur digitalen Revolution ist Vaporwave jedenfalls arg einschläfernd. Und vielleicht ist alles auch nicht mehr als ein “Hipster Meme”. So hat es jedenfalls das Urban Dictionary verschlagwortet und definiert als:

ironic critique of global capitalism in the form of sample based infomercials and home shopping networks

Seltsam, das alles…

Wie mich Sascha Lobo an meine eigene Spiessigkeit erinnerte

Wer ist ein Spiesser? In den 80ern waren Spiesser für mich ältere, konservative CDU-Wähler. In den 90ern lernte ich, das auch Punks oder Linke ziemlich “spiessig” waren, wenn es um meine Lieblingsmusik (Techno, HipHop) ging. Spiesser…Spiesser everywhere. Nur ich natürlich nicht. Dass ich selbst ein Spiesser, nämlich ein digitaler Spiesser, sein könnte…daran dachte ich nie. Aber der Spiesser-Vorwurf von Sascha Lobo an einen anderen Digitalen (mspro) trifft auch mich. Völlig zurecht. Auch ich neige als fiktiver Teil der “Netzgemeinde” dazu, alles aus meinem digitalen Biedermeier-Idyll zu betrachten: Ein Schriftsteller-Aufruf ohne Microsite, Social-Media-Accounts der Unterzeichner, Kommentar-Funktion, teilbares Widget und Hashtag? Voll analog und deswegen #fail. So dachte ich spontan. Aber das Andere (560 Autoren gegen die NSA!) genau nach meinen digitalen Standards handeln müssen, damit ich es cool finde - DAS ist Spiessertum in Reinform. Und genau so “schrebergartig” wie Sascha Lobo es zurecht nannte. Ich habe mich selbst daraufhin über weiteres “digitales Spiessertum” hinterfragt. Und wurde fündig. Etwa, dass ich Journalisten ohne Online-Präsenz beim Googlen nicht ernst nehme. Oder wenn Journalisten keinen Blog oder Twitter-Account haben. Natürlich darf ich Medien-Leute ohne digitale Kompetenz und Präsenz kritisieren. Aber solche Journalisten pauschal nicht ernst zu nehmen - das ist spiessig. (Und der Spiesser ist immer herablassend zu allem, was nicht in sein Weltbild passt.) Das wäre umgekehrt so, als wenn mich jemand ignoriert, weil ich ja “nur” in Social Media aber nicht in Print, Radio oder TV präsent bin.

Die Amis haben für “Spiesser” übrigens einen viel besseren Begriff: “Squarehead”. Also ein Quadrat-Schädel, der nur akzeptiert, was auch quadratisch ist. Die “Netzgemeinde” ist voll von Squareheads. Ich bin manchmal einer davon. Aber Selbsterkenntniss ist der erste Weg zur Besserung. Und ich nehme mir für 2014 vor, weniger digital quadratköpfisch aka “spiessig” zu sein.

Versuch eines kaum larmoyanten “Hell-Yeah-ich-bin-40”-Posts

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Sollte man darüber bloggen, dass man 40 geworden ist ? Nicht unbedingt. Aber da ich mein Leben gerne anhand von Jahreszahlen reflektiere, kann ich bei dieser Zahl nicht anders. Vom 30-Jährigen zum 40-Jährigen - was hat sich seit 2003 verändert? Versuch einer Auflistung anhand einiger Alltagsthemen bei größtmöglicher Vermeidung von Larmoyanz.

  • Musik: Zu schwerfällig oder zu krachig - das denke ich, wenn ich mich durch alte CDs wühle. Liegt wohl daran, das ich heute Musik funktionaler einsetze: Als Soundtrack fürs Wochenende vor / nach dem Ausgehen oder als ambientöser Klangteppich beim ImInternetsein. Die intensive Auseinandersetzung mit einem komplexen Album, das Ertragen von Dissonanzen und Stilbrüchen - all das fällt mir seit Jahren wirklich schwer. Immerhin höre ich dank eines gut gepflegten Feedreaders auch neue, meist elektronische Musik. Wenn 40-jährige Altersgenossen nur Musik “von früher” goutieren, macht mich das ein wenig traurig.
  • Kleidung: Ooops. Und da bin ich wohl etwas “von früher”. Denn ich trage immer noch gerne Jeans, Sneakers, Hoodies und Carharrt-Mützen. Allerdings anders als 2003: Etwas enger, schicker & mitunter teurer. Liegt wohl daran, das mir “reifere” Modeentwürfe für 40-jährige entweder zu bieder (P&C, Karstadt “Herren-Freizeit-Kleidung”) oder zu metrosexuell-ambitioniert sind. Und 25 Jahre Hip Hop haben sich eben doch in die DNA eingeprägt: Ein Leben ohne Sneakers & Hoodie ist möglich aber nicht erstrebenswert.
  •  Politik: Grauzonen - Grauzonen everywhere! Wo sich früher noch alles in Schwarz und Weiss, in Links und Rechts und Gut und Böse einteilen liess, fliesst jetzt alles ineinander über. Für mich jedenfalls. Erwische mich sogar dabei, das ich mitunter beim Lesen von Fleischhauers Kolumnen innerlich nicke. Als ehemals sehr linker Soziologie-Student in den 90ern hat sich heute für mich jedenfalls das Thema “Political Correctness” erledigt. Dieser alarmistische Sound, diese Selbstgewissheit auf der “richtigen” Seite zu stehen und andere belehren zu müssen - ich ertrage das nicht mehr. Wahrscheinlich ist “Politik” der Bereich, wo ich (mit Ausnahme bei  “Netzthemen”) mit 40 wirklich langweilig geworden bin.
  • Körper: Keine Larmoyanz, daher auch keine Auflistung von Verfallserscheinungen. Nur soviel: Wer mit 40 Jahren das Gleiche isst wie mit 30 Jahren und keinen Sport macht wird dick. (Es sei denn er ist extrem leptosom veranlagt, aber wer ist das schon?) Da ich mich beim Essen nicht kasteien will, treibe ich jetzt soviel Sport wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Das hängt natürlich auch mit dem Vollzeit-Schreibtischjob zusammen: Mein Körper giert nach einem Ausgleich. Mit 30 war das nicht so. Aber da hatte ich auch mehr Nebenbei-Bewegung.
  • Karriere: Naja. Man sollte mit 40 zumindest ein klares Selbstbewusstsein im wörtlichen Sinne haben: Also sich selbst bewusst sein, was man gut kann und was nicht. Ohne sich dabei zu sehr festzulegen. So haben sich meine Vorstellungen eines Traumjobs in den letzten 10 Jahren zigmal geändert. So wie sich auch das Arbeitsleben aller “Irgendwas-mit-Inhalten”-Macher durch die Digitalisierung geändert hat. Mir persönlich ist “Karriere” auf inhaltlicher Ebene (Sachen machen, die Spaß machen) wichtiger als auf der hierarchischen Ebene.

Das war es. Der nächste Post zu diesem Thema erscheint hier zu meinem 50. Geburtstag - falls es Tumblr dann noch gibt.

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Meine 3 Lieblingstweets zur #fbm13 (Teil 2)

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