Über das C-Promi-Syndrom auf Twitter

Rassistische Pöbeleien, Penisbilder in Tweets und so weiter: Immer wieder fallen Promis aus Sport/Politik/Schauspiel also aus der analogen Welt auf Twitter unangenehm auf. Die Netzpiloten haben das mit dem Post “Was ein Tweet so alles anrichten kann” thematisiert. Aber wie sieht es mit den digital erfahrenen Profis aus dem, ähm, Twitterverse aus? Ok, sie verschicken keine Fotos oder politische Statements, die sie Job und Reputation kosten. Dafür setzen Meinungstreiber wie Marius Sixtus, Jens Best oder Sibylle Berg das Skandalöse gezielt ein. Nervt die Telekom oder ein vermuteter Rassist / Sexist / Offliner wird das höchst polemisch über Twitter ausgetragen. Und sie wissen - im Gegensatz zu Twitter-unerfahrenen Promis - was sie tun. Denn Ranten, Polemisieren oder auch Zweideutiges bringt Aufmerksamkeit. Mit Letzterem kokettieren besonders gerne weibliche Twitter-Stars. Wenn etwa das Instagram-Foto frivol angeteasert wird: “Jetzt muss ich wohl blasen!” (Foto zeigt Geburtstagstorte mit Kerzen!) Und das nachfolgende lautstarke Blocken von Doof-Männern, die den Tweet missverstehen, schafft dann weitere Aufmerksamkeit. Kurzum: Das alles ist Boulevard in seiner mehr oder weniger sophisticaten Variante. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Denn Boulevard entspricht medial dem menschlichen Bedürfnis nach Emotion, Lust und auch (Rant! Rant! Rant!) Kampf. Motto: “Sixtus versus Telekom? Will ich sehen!” Sicherlich gibt es auch thementreue Twitter-Stars, die ausschliesslich klug durchdachte Tweets mit ebenso klugen Quellen verlinken. Etwa der ZEIT-Online-Chef Wolfgang Blau, der trotz purer Ratio in seinen Tweets mit über 11.000 Followern glänzt. Doch tweetende Influencer, die auch Boulevard können und ab und zu wie C-Promis herumhysterisieren: Sie sind in der knappen Aufmerksamkeitsökonomie dieses Mediums extrem erfolgreich. Ich prangere das nicht an. Problematisch wird es nur, wenn unerfahrene Tweeps die Kontrolle über das C-Promi-Syndrom verlieren. Dazu ein Zitat von Sauerstoff:
Welchen Effekt hat es, wenn sich jemand dieser Grenzen nicht bewusst ist oder sie sehenden Auges auf der Suche nach größtmöglicher Aufmerksamkeit ignoriert? Er twittert sich um Kopf und Kragen! Nach und nach wird mehr privates, z. T. intimes getwittert und sich an der wachsenden Aufmerksamkeit erfreut! Und Twitter ist schnell, so dass die Belohnung unmittelbar erfolgt. Followerzahlen steigen (für viele noch immer das alleinige Maß aller Dinge) und die @mentions und DMs kommen in Massen herein. Aber das geht nicht unbegrenzt so weiter. Irgendwann kommt Ikarus zu nah an die Sonne und der Wachs an den Flügeln schmilzt und er stürzt an.
In diesem Sinne: Obacht, wenn Ihr auf Twitter mit den Gesetzen des Boulevards spielt!
Update: Dieser Dialog zwischen @buchkolumne und @sibylleberg auf Twitter ist ein schönes Beispiel für Boulevard als Antreiber auf Twitter.

(Foto: memegenerator.net)
