Kommt jetzt der Klout-Klassismus?

Es fühlte sich komisch an, aber ich habe aus Jux mal mitgemacht. Denn noch ist es auch nur ein Jux: Das Web-Magagzin t3n verloste letzte Woche ihre neue Ausgabe - allerdings nur an Interessierte mit einem Klout-Score über +50K. Die Redaktion bezeichnete es als “Experiment”. Aber in Zukunft könnten sich PR-Aktionen mit Benefits für Leute mit hohen Scores auf Klout häufen. Denn wenn man den (geheimen) Algorithmen dieses Rating-Dienstes traut, sind diese Menschen bestens vernetzte Influencer. Solche Privilegien waren früher nur Promis, Politikern und Journalisten vorbehalten - den Beeinflussern der analogen Welt. Heute sorgt bereits der 140-Zeichen-Diss eines Twitter-Stars wie Mario Sixtus in modernen PR-Abteilungen für Unruhe. Das gibt zig Retweets! Shitstorm-Gefahr! Kurzum: Mit steigender Akzeptanz des Social Web in Wirtschaft, Politik und Medien steigt auch das Bedürfnis nach Relevanz-Kriterien. Muss ich jede Twitter-Anfrage gleich behandeln? Wieso hat der angeblich gut vernetzte Bewerber nur +20K? Klout, die “Schufa fürs Web”, bietet dafür ein scheinbar eindeutiges Tool. Doch es hat seine Tücken:
1. Klout misst Quantität um auf Qualität zu schliessen. Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, das Social Web nach Masse zu beurteilen. Bei Twitter sind 10.000 Follower weniger beeindruckend, wenn ich ein “Follow-back!”-Idiot bin, der selbst 20.000 Leuten folgt. Und auf Facebook vermeide ich bewusst das sinnlose Sammeln von “Freunden”. Und biete für lose Bindungen lieber die “Abonnieren”-Funktion an. Das Klout solche Feinheiten beim Rating beachtet, bezweifele ich.
2. Klout ist manipulierbar und beschwört eine neue Deppenzunft herauf. Sobald sich Klout bei einer kritischen Masse als Reputations-Tool etabliert hat, wird es den Beruf des “Klout-Optimierers” geben. Leute, die ähnlich wie Black-Hat-SEOler für Bares den Score erhöhen. Schrecklich. Wie leicht der Dienst zu manipulieren ist, steht hier: So wurde ein bekiffter Single zum “Experten für Mütter-Themen”.
3. Klout beendet die Unschuld beim Posten im Web. Ok, vielleicht etwas pathetisch ausgedrückt. Aber wenn dieses Rating zukünftig wirklich relevant für Jobs, Dates und Kunden-Services wird….dann werden viele Menschen viel strategischer posten. Alles was den Score erhöht wird verbreitet, was nichts bringt wird vernachlässigt. Von daher: Vorsicht vor einem “Klout-Klassismus” in den Köpfen.
