Buchpreisbindung und Ebook ist wie GEMA und YouTube

Die Schweizer haben jetzt also mehrheitlich gegen die Buchpreisbindung, dieses besondere Privileg für ein einzelnes Medium, gestimmt. Langsam entsteht auch hier eine Diskussion dazu. Ich bin auch gegen dieses Privileg, weil es die Entwicklung von Ebooks und neuen digitalen Geschäftsmodellen behindert. Sicher, in den letzten Jahrhunderten als noch das gedruckte Buch und nicht der Bildschirm das Trägermedium der Aufklärung war, mag diese Art Wettbewerbs-Beruhigung kulturpolitisch sinnvoll gewesen sein. Aber im digitalen Zeitalter wird das Buch zukünftig mehrheitlich als Ebook für die Bildschirme diverser Endgeräte produziert und verkauft. Und da funktioniert das nicht, das mit den fixen Preisen. Denn das digitale Buch wird noch ungeahnte Formen des Pricings und Vertriebs mit sich bringen. Feste Preisvorgaben sind dabei so sinnvoll, wie die Zahlungsforderungen der GEMA für YouTube-Videos oder Songs auf Streaming-Plattformen: Sie behindern neue Märkte, die Inhalte für die digitale Nachfrage neu anbieten wollen. Denkbar sind z.B. Ebooks via Streaming & Flatrates, ein Pricing durch die Crowd uvm. Hier sind ein paar Beispiele, die meinen Zweifel an der Preisbindung für Ebooks, die Bücher der Zukunft, bestärkt haben.

1. Der Berlin Story Verlag wagte es, die Käufer über den Preis eines Ebooks selbst abstimmen zu lassen. Was in der Musikindustrie schon häufiger funktionierte hatte für den Verlag ein juristisches Nachspiel.

2. Der Verleger Ralph Möllers, ein Pionier in Ebooks und Apps für den Kinderbuchmarkt, machte sich öffentlich über die Preisbindung lustig.

3. Der Spreeblick-Blogger Johnny Häusler landete mit einem 99Cent-Ebook einen Bestseller. Er rät deutschen Verlegern zu niedrigen Verkaufspreisen, die an Apps angelehnt sind. (Sascha Lobo mit seinem “Konkurrenz zu Angry Birds”-Vergleich ebenso.)

Auch die Meinung von Amazon zu diesem Thema ist interessant, denn man kann dem Konzern vieles vorwerfen aber sicher keine Unwissenheit in digitalem Konsumverhalten. (Quelle: Die Welt)

“Wir sind fest davon überzeugt, dass E-Books billiger sein sollten als normale Bücher”, sagt dazu Amazon-Manager Gordon Willoughby. Er ist für das inhaltliche Angebot des Amazon-E-Book-Readers Kindle in Europa verantwortlich und verweist auf Umfragen, denen zufolge auch die Leser einen bis zu 30 Prozent günstigeren Preis erwarten würden.

Und seien wir mal ehrlich: Wir wissen doch jenseits vom heute noch rohen Format “Ebook” überhaupt nicht, welche Formen digitale Buchinhalte (sprich: Stories & Information) einmal annehmen werden. Denn in der digitalen Welt fliessen Inhalte von einem Aggregat-Zustand einfach in den nächsten: So verschmelzen Texte, Musik, Bilder & Videos schon jetzt auf dem iPad zu einem immersiven Medien-Erlebnis. Das 80er-Jahre-Trendwort “Medienkonvergenz” ist dafür viel zu harmlos. Wer will schon bei diesem Wechselspiel des “Liquid Content” eine Form des Inhalts preislich binden, wenn alle anderen Inhalte neue (Vertriebs-)Wege gehen?

Fazit: Eine Buchpreisbindung ist für Ebooks nicht sinnvoll. Da Ebooks aber in Zukunft Print-Books ablösen, sollten wir uns in Deutschland langsam von der Buchpreisbindung verabschieden. Und offen für neue Wege sein.

(Update vom 26.6.2012: Auch der in diesem Thema viel belesenere Buchhändler René Kohl hält die BPB für überholt.)

(Foto: Rechte vorbehalten von brenneman)