Dies ist kein Hipstergelalle

frohmannverlag:

Friedrich Forssmann kenne ich als etwas unwirkliche Erscheinung im Stile der Zeit, in der vermutlich seine Lieblingsromane spielen. Er trägt bevorzugt Tweed und raucht gern ein gemütliches Pfeifchen. Ein bisschen Prä-Cumberbatch-Sherlock-Holmes, ein bisschen Nick Knatterton. Diese kauzige Selbstinszenierung fand ich bislang eigentlich recht amüsant und sympathisch.

Meine älteste Freundin arbeitete und lebte früher mit F. F. in Büro- und Hausgemeinschaft. Ich nenne sie hier im Folgenden „Freundin“, weil sie eine zurückhaltende Person ist, die keinen Rummel um ihre Person mag. Darin unterscheidet sie sich von F. F.

Gesehen und gesprochen habe ich F. F. zwei- oder dreimal. Einmal sogar bei mir zuhause. In meiner damaligen Kreuzberger Wohnung. Die, Hand aufs Herz, ganz schön hipstermäßig war. Damals war das aber noch kein Imagedebakel. Wenn jemand dich oder deine Wohnung „hip“ fand, war das Ende der 90er ein Kompliment. Weil man nicht automatisch davon ausging, dass du Menschen aus Stylegründen verachtest. Habe ich nie getan. Siehe Nick Knatterton.

Zeiten ändern sich. Menschen auch. Echt wahr.

Allerdings machte ich Ende der 90er noch keine eBooks, sondern war eine durch und durch respektable Bücherfreundin und Literaturwissenschaftlerin. F. F. hatte also nichts an mir auszusetzen. Meine Welt hat sich seither ein paar Mal verändert. Seine anscheinend nicht.

Ich fand F. F. damals im Umgang jovial, im Urteil apodiktisch und im Duktus etwas überheblich. Er ist so ein Typ Mann, bei dem man sich als weibliches Gegenüber altersunabhängig schnell ein wenig plappermädchenhaft fühlt. Schon weil er ziemlich groß ist und mit sehr sonorer Stimme spricht. Er ist so ein Mensch, der immer und überall Vorträge hält. Da ist kein Hauch von Selbstzweifel.

F. F. ist ein wirklich exzellenter Typograf und Buchgestalter. Vielleicht wird man so, wenn man unangefochten ein Star in seinem Bereich ist.

Trotzdem. Eitelkeit hin. Überheblichkeit her.
F. F. ist auch ein wirklich netter Typ. Er war es zumindest früher.

Mein Problem mit ihm liegt woanders.

Engstirnigkeit. Miesmacherei. Blindwütigkeit.

Seine fast schon tollwütige Attacke gegen eBooks und deren Macher und Leser macht ihn in meinen Augen zu einer Art Fjodor Pawlowitsch Karamasow der Medienwende. Willkürlich zieht er eine dichotomische Trennwand wieder ein, auf die viele Menschen seit Jahrzehnten zu verzichten versuchen. Weil diese Grenze immer schon konstruiert war. Weil sie Literatur unnötig unzugänglich und elitär gemacht hat.  

„Friedrich, lass uns doch mal über Self-Publishing und Fan Fiction reden.“

F. F. tut mir und meiner Welt mit seinem Text Unrecht. Wir sind keine „lallenden Hipster“, sondern Menschen, die sich engagieren für etwas, an das sie glauben. Wir hinterfragen unser Tun regelmäßig. Ästhetisch und politisch. Wir haben große Zweifel. Weil wir auch nicht genau wissen, was kommt. Aber wir halten uns handlungs- und reaktionsfähig. Beobachten. Probieren aus. Korrigieren Fehler. Denken immer wieder um. So wie es die heutige Welt erfordert. Das hat nichts mit der Abwesenheit von Werten zu tun. F. F. diskreditiert die Arbeit und Haltung meiner Kollegen und Freunde. Er diskreditiert mich. Wie kommt er dazu?

Ich lese Bücher und eBooks.
Ich bin Buch- und eBook-Autorin.
Ich erkenne bei Büchern und eBooks spezifische Schwächen.
Ich schätze an Büchern und eBooks spezifische Stärken.
Ich reflektiere, dass Bücher und eBooks unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechen.
Ich weiß, dass Bücher und eBooks so gut und schlecht sind, wie man sie macht.
Ich erkenne bei Büchern und eBooks eine je eigene Schönheit.
Ich trete seit Jahren für eine gemeinsame Zukunft von Buch- und eBook-Kultur ein.

Außerdem.

EBOOKS SIND KEINE BÜCHER.

Zurück zu meiner Freundin. Die auch F. F.s Freundin ist. Sie ist klassische Buchgestalterin. eBooks traut sie nicht so recht über den Weg. Obwohl sie seit drei Jahren welche für mich gestaltet. Aber anders als F. F. will sie Sachen differenziert betrachten und hört zu, wenn man ihr vernünftige Argumente vorlegt. Ich habe 2011 zu ihr gesagt.

„Freundin. Wer, wenn nicht wir, bestimmt denn darüber mit, wie es in der Zukunft ums Lesen und Verlegen bestellt ist. Lass uns eBooks machen, die immer so typografisch gelungen sind, wie es die Technik gerade erlaubt. Lass uns die Grenze so weit dehnen, wie es geht. Rumprobieren. Spielen. Wir werden oft kotzen müssen, wenn diese Grenze allzu schnell erreicht ist. Aber wir sind vorne mit dabei und können das alles schon, wenn es richtig gut wird. Die Literatur kaputt machen nicht Innovatoren, sondern Abzocker, die Trash produzieren. Damit haben wir nichts zu tun. Im Gegenteil. Wir können ohne reichen Vater oder Investor im Rücken Projekte machen, die sich kein klassischer Verleger leisten könnte. Bitte mach mit.“

Sie hat mitgemacht. Sie macht immer noch mit. Ihr kritischer Blick bleibt. So wie sie.

Bei ihren Typografentreffen fühlt sie sich jedes Mal wieder wie die Frau mit dem scharlachroten ‚e’ auf der Stirn. Aber sie ist tapfer. Weil sie differenziert denkt und handelt. Mit dieser Haltung macht man keine Welle. Aber schöne und gute eBooks.

Danke, Freundin.

Viel Spaß in der guten alten Zeit, Friedrich Forssmann. “Gemeinsame Brechreize” haben wir wohl derzeit leider nicht mehr.

PS. Meine eBooks habe ich von Anfang an ohne DRM gemacht. Ich arbeite mit einer klassischen Typografin (“Freundin”) und einer digitalen Herstellerin. “Beschiß” mit ‘ß’ geht anders.

Tags: ebooks hipster

Buchpreisbindung und Ebook ist wie GEMA und YouTube

Die Schweizer haben jetzt also mehrheitlich gegen die Buchpreisbindung, dieses besondere Privileg für ein einzelnes Medium, gestimmt. Langsam entsteht auch hier eine Diskussion dazu. Ich bin auch gegen dieses Privileg, weil es die Entwicklung von Ebooks und neuen digitalen Geschäftsmodellen behindert. Sicher, in den letzten Jahrhunderten als noch das gedruckte Buch und nicht der Bildschirm das Trägermedium der Aufklärung war, mag diese Art Wettbewerbs-Beruhigung kulturpolitisch sinnvoll gewesen sein. Aber im digitalen Zeitalter wird das Buch zukünftig mehrheitlich als Ebook für die Bildschirme diverser Endgeräte produziert und verkauft. Und da funktioniert das nicht, das mit den fixen Preisen. Denn das digitale Buch wird noch ungeahnte Formen des Pricings und Vertriebs mit sich bringen. Feste Preisvorgaben sind dabei so sinnvoll, wie die Zahlungsforderungen der GEMA für YouTube-Videos oder Songs auf Streaming-Plattformen: Sie behindern neue Märkte, die Inhalte für die digitale Nachfrage neu anbieten wollen. Denkbar sind z.B. Ebooks via Streaming & Flatrates, ein Pricing durch die Crowd uvm. Hier sind ein paar Beispiele, die meinen Zweifel an der Preisbindung für Ebooks, die Bücher der Zukunft, bestärkt haben.

1. Der Berlin Story Verlag wagte es, die Käufer über den Preis eines Ebooks selbst abstimmen zu lassen. Was in der Musikindustrie schon häufiger funktionierte hatte für den Verlag ein juristisches Nachspiel.

2. Der Verleger Ralph Möllers, ein Pionier in Ebooks und Apps für den Kinderbuchmarkt, machte sich öffentlich über die Preisbindung lustig.

3. Der Spreeblick-Blogger Johnny Häusler landete mit einem 99Cent-Ebook einen Bestseller. Er rät deutschen Verlegern zu niedrigen Verkaufspreisen, die an Apps angelehnt sind. (Sascha Lobo mit seinem “Konkurrenz zu Angry Birds”-Vergleich ebenso.)

Auch die Meinung von Amazon zu diesem Thema ist interessant, denn man kann dem Konzern vieles vorwerfen aber sicher keine Unwissenheit in digitalem Konsumverhalten. (Quelle: Die Welt)

"Wir sind fest davon überzeugt, dass E-Books billiger sein sollten als normale Bücher", sagt dazu Amazon-Manager Gordon Willoughby. Er ist für das inhaltliche Angebot des Amazon-E-Book-Readers Kindle in Europa verantwortlich und verweist auf Umfragen, denen zufolge auch die Leser einen bis zu 30 Prozent günstigeren Preis erwarten würden.

Und seien wir mal ehrlich: Wir wissen doch jenseits vom heute noch rohen Format “Ebook” überhaupt nicht, welche Formen digitale Buchinhalte (sprich: Stories & Information) einmal annehmen werden. Denn in der digitalen Welt fliessen Inhalte von einem Aggregat-Zustand einfach in den nächsten: So verschmelzen Texte, Musik, Bilder & Videos schon jetzt auf dem iPad zu einem immersiven Medien-Erlebnis. Das 80er-Jahre-Trendwort "Medienkonvergenz" ist dafür viel zu harmlos. Wer will schon bei diesem Wechselspiel des “Liquid Content” eine Form des Inhalts preislich binden, wenn alle anderen Inhalte neue (Vertriebs-)Wege gehen?

Fazit: Eine Buchpreisbindung ist für Ebooks nicht sinnvoll. Da Ebooks aber in Zukunft Print-Books ablösen, sollten wir uns in Deutschland langsam von der Buchpreisbindung verabschieden. Und offen für neue Wege sein.

(Update vom 26.6.2012: Auch der in diesem Thema viel belesenere Buchhändler René Kohl hält die BPB für überholt.)

(Foto: Rechte vorbehalten von brenneman)